Der Wiener Walzerkönig Johann Strauß jun. muss wohl ein großer Genießer gewesen sein, wenn man seinen stimmungsvollen Walzer „Wein, Weib und Gesang“ als Indiz dafür nimmt. Die weinselige, lebensfrohe und liebestrunkene Phrase „Was im Glas und im Herzen glüht“ wird nicht nur Publikum immer mit viel Begeisterung aufgenommen, sondern macht auch den Sängern einen Riesenspaß. Das war der Chorgemeinschaft „Germania“ Siegburg anzumerken, die unter Prof. Karl-Josef Görgen die erste von vier Sonderprobe absolvierte, da Chorleiter Stefan Wurm im Urlaub weilte. Ich habe mich gefragt, was der frühere Chef der Opernschule an der Kölner Musikhochschule an sich hat, was die Sänger so mögen. Es ist wohl sein Charisma, was die Sänger an ihm lieben. Dabei wird es den Sängern gar nicht so bewußt, dass er in keiner Minute von seiner musikalischen Vorstellung abweicht und genau weiß, dass eigentliche Musik erst hinter den Tönen beginnt.
Es war wirklich erheiternd, wie er das vermeintliche Lob des erwähnten Walzerkönigs über die Frauen zu einer „Schule über die Frauen“ ummünzte und die Tenorsänger lächelnd aufforderte („Selbst die drallen Damen müssen grinsen, sonst ist nicht gut gesungen worden!“) bestimmte Passagen noch ironischer zu gestalten. Dabei machte er plausibel, wie er sich dass in puncto Phrasierung, Tempi und Stimmgestaltung vorstellt. Einfach köstlich! Ihm kam auch der eine oder andere „koreanisch“ gesungene Text nicht ganz geheuer vor, wie auch die Ausprägung des Walzertakts, an dem er unermüdlich feilte. Beim „Chor der Landleute“ aus Bedrich Smetanas Oper „Die verkaufte Braut“ achtete er besonders auf die markanten Oktavsprünge, die ausdrucksvollen Lautstärkewechsel und die richtigen dynamischen Akzentuierungen. Hatte er beim Walzer noch süffisant daran erinnert, dass dieser Wesenszüge eines Hausierers haben müsse, der seinen Wein anpreist, so forderte er bei Smetana klangliche Frische und tänzerische Leichtigkeit.
Der Professor war mit dem, was die Sänger in klingende Münze umsetzten, zufrieden und geizte nicht mit Lob. Darüber hinaus vertiefte sich die Chorgemeinschaft begeistert in den „Matrosenchor“ aus der Wagner-Oper „Der fliegende Holländer“ und „Gelobt, gepriesen, der heilige Namen“ (Solo: Klaus Lüdke) aus der Verdi-Oper „Die Macht des Schicksals“. Karl-Josef Görgen, der auch in prächtiger Manier die Orchestersätze der Opernchöre auf dem Klavier inszenierte, muss wohl seine helle Freude daran haben, in den Sommerferien mit der „Germania“ zu proben. Das ist eine sinnvolle Ergänzung der Konzertreihe „Junge Stimmen“, wo er als „Spiritus rector“ seiner Gesangsschüler in Erscheinung tritt. Vizechorleiter Wilfried Sterzenbach stimmte zudem für zwei „Geburtstagskinder“ das schöne Abendlied „Die Dämmerung fällt“ von Wolfgang Lüderitz an und Vorsitzender Hans-Josef Bargon verkündete, dass der Kartenverkauf für das Herbstkonzert mit dem Philharmonischen Orchester Bad Reichenhall am 2. Oktober in der Siegburger Rhein-Sieg-Halle begonnen hat.
Walter Dohr
